Dunkle Nebel
Gestern Abend hat mich ein langer Artikel im Economist über den russischen Krieg gegen die Ukraine zutiefst betrübt. Die letzten Monate wirkten so «positiv», es schien, als würde vieles besser laufen für die Ukrainer. Die Russen kommen an den Fronten im Osten einfach nicht vorwärts, viele Geländegewinne erweisen sich als wacklig oder nur nach oben rapportiert. Gleichzeitig konnten die Ukrainer mit neuen Drohnen die Logistik bis zu 200 km im Hinterland lahmlegen, während sie, wiederum mit Drohnen, bis zu 3000 km tief ins riesige Russland hinein die Raffinerien kaputtschiessen. Fast täglich sieht man die Videos von schwarzen Rauchsäulen, die über den Raffinerien in Russland aufsteigen, sogar in Moskau und St. Petersburg. Russland war einmal der zweitgrösste Exporteur von Diesel weltweit, nun sind sie gezwungen, Diesel zu importieren. Ich höre drei verschiedene Podcasts zum Krieg, für einen bezahle ich sogar. Ich schaue Militärspezialisten auf YouTube, verfolge die Feeds auf Twitter. Der Gesamteindruck war wirklich, dass sich strukturell etwas geändert hatte. Die Zeit schien plötzlich gegen die Russen zu spielen.
Aber nun scheint sich «plötzlich» alles wieder gekehrt zu haben. Der Krieg ist ein ständiges Wechselspiel. Es ist nun ein totaler Krieg geworden, zumindest auf russischer Seite. Die Russen sind ebenso innovativ und schaffen es mit Hilfe der Chinesen, eine neue Generation nach der anderen von Drohnensystemen in Masse zu produzieren. Nun sind es jetgetriebene Drohnen, gegen die normale Abwehrsysteme nicht mehr helfen. Und so muss sich die Ukraine nun wieder anpassen. Was mich erstaunt beziehungsweise was ich feststelle, ist, wie fest all die Analysten dann doch auf Nachrichtenwellen reiten. Es herrscht ein unglaublich starker Informationsnebel. Oder will ich einfach nur das Gute hören? Ist mein Twitter Feed per Algorithmus einfach auf pro ukrainisch geschaltet? Ich sehe nie Videos, wie Dinge in der Ukraine in die Luft fliegen, sondern immer nur umgekehrt.
Die Ukrainer sind sehr erfolgreich und halten die Russen auf, das sehen wir bei uns in den Nachrichten. Aber es dauert immer eine Weile, bis wir die wirklich schlechten Nachrichten mitbekommen. Die Russen schiessen nun die gesamte Restinfrastruktur der Ukrainer zusammen: 80 Prozent der grossen Lagerhäuser, die Tankstellen, die Energiewerke, bald wohl auch die Wasserwerke. Der Getreideexport ist nun wieder blockiert, und dies schon seit Juli, weil der Hafen von Odessa in Schutt und Asche gelegt wird. Zudem werden die Züge und Grenzübergänge in den Westen bombardiert. Das machen die Russen, weil sie es nicht schaffen zu gewinnen, und weil es für sie technisch nun möglich ist.
Gemäss den Militäranalysten können wir uns darin beruhigen, dass ein Land allein durch Luftkrieg nicht niederzukriegen ist. Die Russen haben im Grunde verloren: Die Ukraine wird ein eigenständiges Land bleiben, das Land wird nicht kollabieren. Das Hitlerreich hat fast bis zum letzten Mann gekämpft, auch schon lange nachdem alles verloren war; man kann ein Land anscheinend tatsächlich nur mit Bodentruppen wirklich übernehmen. Ein paar Analysten denken, dass die Gefahr taktischer Atomwaffeneinsätze dann grösser wird, wenn es für die Russen besser laufen sollte, etwa wenn eine Kapitulation im Raum stünde und man einen totalen militärischen Sieg so erzwingen wollte. Als Beispiel wird der Krieg gegen das japanische Imperium im Zweiten Weltkrieg genannt.
Und so wird die Ukraine überleben. Die Europäer finanzieren sie, die Rüstungsindustrie ist langsam hochgefahren, der Wille zumindest der Balten, Polen, Deutschen und Briten ist da. Ein Zusammenbruch der Ukraine wird inzwischen als massive Gefahr für die angrenzenden Staaten gesehen und damit als finaler Einsturz der alten Friedensordnung. Meiner Meinung nach kann die europäische Sicherheit nur noch gemeinsam mit der Ukraine gedacht werden. Die Ukrainer werden den brutalen Winter überleben. Und wie brutal der wird!
Die Russen werden im nächsten Jahr feststellen müssen, dass sie wieder nicht weitergekommen sind. Putin ist 72 oder 73 Jahre alt, er denkt nicht mehr in Dekaden, sondern vielleicht in drei bis fünf Jahren. Für ihn geht es wohl auch um das persönliche Überleben, er kann nicht mehr zurück. Daher dieser enorme Druck. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, und das ist die bittere Realität: Es bleibt auch uns nichts anderes übrig, als sich zu verteidigen, von den Ukrainern zu lernen und die Finanzmittel aufzubringen. Die nächste Generation, damit meine ich die Kinder unserer Kinder, kann es dann wieder mit etwas anderem als militärischer Härte bei den Russen versuchen.
Das hat mich gestern Nacht beschäftigt. Es ist ja nicht nur der Krieg in der Ukraine. Die Amerikaner erleben tatsächlich ihren Suezmoment. Die arabischen Verbündeten suchen wohl selbst einen Ausgleich mit den Iranern. Die Amerikaner haben ihre grossen Basen im Golf geräumt, der Stützpunkt in Bahrain ist leer, und die Iraner kontrollieren die Strasse von Hormus. Auch hier bahnt sich eine komplett neue Ordnung an.
Was für Zeiten!
Ansonsten war heute einfach Dienstag, der wie immer sehr hektisch verlief. Im Moment läuft so viel mit Arbeit und den Kindern, dass wir erst um halb acht zum Znacht gekommen sind.