Vier Generationen
Heute war Sonntag. Und am Sonntag geht man ja bekanntlich in die Kirche. Das haben wir heute auf jeden Fall so gemacht: Die Taufe von Alessio, dem Sohn von Bianca und Davide, stand an. Die Kinder durften sich schön anziehen, so wie es sich gehört. Wir treffen uns in der Kirche von Wipkingen. Gleich um die Ecke hatte ich mal eine Wohnung, in der ich kurze Zeit mit Jari gewohnt hatte. Lange her.
Je älter wir werden, desto besser gefallen uns solche Anlässe. Es ist eine Gelegenheit, die erweiterte Familie zu treffen. Die Kinder der Tanten und Onkel werden nun auch älter und gründen Familien, sie rücken somit auf. Man hat wieder mehr Gemeinsamkeiten.
Die Taufe fand in einer katholischen Kirche statt, geleitet von einer Seelsorgerin. Der Taufpate ist Muslim, die Taufpatin orthodox. Das war für die Seelsorgerin in Ordnung; sie meinte, lieber ein Gläubiger als ein Atheist. Der Muslim durfte aber nicht in der Taufurkunde vermerkt werden. Es ist immer noch die katholische Kirche... Dann wie immer das Glaubensbekenntnis: Ich weigere mich, dieses mitzusprechen. Man schwört dort schliesslich auf die „heilige katholische Kirche“. Das mit dem Glauben ist eine Sache, das mit der Institution eine andere. Die katholische Kirche übt in der Tat eine Faszination aus, einfach weil es aus machtpolitischer Sichtweise spannend zu verstehen ist: Das ist eine staatliche Struktur, unglaublich erfolgreich, wandlungsfähig, und sie bringt etwas Mystisches mit sich. Ich denke, wenn eine Religion in der christlichen Gemeinschaft wieder erstarken wird, dann ist es der Katholizismus. Man sieht dies an seinem Wachstum, unter anderem auch in den USA. Er bringt dieses Absolute und eben jene Mystik mit. Der Protestantismus wirkt aus dieser Sicht so langweilig liberal, angepasst an die Moderne. Aber, wie gesagt, die katholische Kirche hat so viel Dreck am Stecken, dass ich dahin nicht zurück kann.
Wie auch immer: Ihre Predigt handelte vom Hirten Jesus – obwohl der ja sehr wahrscheinlich Zimmermann war wie sein Vater Josef. Sie wollte damit zum Ausdruck bringen, was die Bedeutung des Hirten ist und was er für die Gemeinde tut: wie er die Herde zur Weide führt, zum Wasser, und wie er sie schützt. Er holt das verlorene Schaf zurück. Die Bibel bietet einen so reichhaltigen Fundus an Parabeln, welche unser Leben und unsere Kultur prägen. In mir zuckten jedoch eher die ketzerischen Ideen: Der Hirte wählt schliesslich auch aus, welches Lamm geschlachtet wird. Das wollte ich dann aber doch nicht erwähnen. Die Seelsorgerin hat die Taufgemeinde nämlich aktiv eingebunden (mein Onkel beteiligte sich mit dem Beitrag dass der Hirte die Milch auch zu Käse verarbeitet, was doch ein gelungener Beitrag war und eingentlich Szenenapplaus angebracht gewesen wäre). Mio und Gian durften als hertige Messdiener helfen: Sie füllten das Taufbecken auf.

Nach einer halben Stunde war die Taufe auch schon wieder vorbei. Ich erinnere mich an meine verstorbenen Nonni, Gina und Mario. Vor mir links sitzt Nonna Nina, die Grossmutter von Bianca und Gianluca. Eine wahrhaftige Urgrossmutter! Nonna Nina sieht genauso aus, wie ältere Nonnas aus Italien eben aussehen: eher etwas klein, ein strenger Rock, eine weisse Perlenkette und eine bombensichere Frisur. Da ist so viel Spray drauf, dass sie wohl bei einem Aufprall geschützt wäre oder Hagelkörner abprallen würden. Und so verdrücke ich eine grosse Träne in Erinnerung an meine eigenen Nonni. Nonna Gina wurde noch in ihrer aktiven Lebenszeit eine Bisnonna. Nonno Mario ging viel zu früh, schon anfangs der 2000er. Wie unglaublich gerne hätte ich ihn mit unseren Kindern zusammengesehen.
Als Vater kann ich mir nun vorstellen, was es für eine Freude und für ein Gefühl sein muss, Enkelkinder zu bekommen: Es ist wohl so ähnlich, wie noch einmal die eigenen Kinder in ihrer Entwicklung zu erleben, einfach alles nochmals, hautnah – mit all den grossen Gefühlen, tiefer Liebe und enger Verbundenheit. Aber was für ein Gefühl und was für eine Erfahrung muss es erst sein, Urgrossmutter oder Urgrossvater zu werden? Die eigene Lebensspanne spannt dann einen Bogen über vier Generationen: Kontinuität, Verwurzelung, die feine Kette des eigenen Lebens. Das eigene Kind, das selbst Elternteil wurde; das Enkelkind, das nun ein Baby im Arm hält. Das stille Staunen darüber, dass der Funke der eigenen Existenz weit in die Zukunft hinein weiterlebt. Ich stelle mir tiefe Dankbarkeit vor, nur noch pure, bedingungslose Zuneigung. Eine 92-jährige Frau, die ein zwölf Monate altes Kind in den Händen hält und küsst. Der Kreis schliesst sich und geht weiter. Wunderbar, einfach wunderschön.
Nach der Taufe das obligate Essen: Wir fahren auf einen Hof oberhalb des Dolders auf dem Zürichberg. Bald ist es schon vier Uhr, und wir müssen als Erste gehen. Zu Hause ist Nala allein, schon seit fünf Stunden. Sie freut sich auf unsere Rückkehr. Birgit und ich gehen nochmals eine schöne Stunde laufen.
Der Tag neigt sich dem Ende zu. Heute könnte ich ewig weiterschreiben. Wir haben so viele schöne Ideen heute diskutiert. Aber morgen ist schliesslich auch wieder ein Tag!


