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It's a wonderful world

It's a wonderful world
Heute an der Sihl bei der Bar Rio direkt vor dem Hauptbahnhof.

Bei meiner Lieblingstochter trudeln gerade so die Einladungen für Vorstellungsgespräche ein. Ich kann nur wieder sagen, wie stolz mich das macht: einfach zu sehen, wie viel sie lernt. Unser Jüngster macht Saltos vom Drei-Meter-Brett und der Gymi-Wuschel geht an eine Party in irgendeiner Hütte in einem Winterthurer Aussenquartier. Er kommt mit dem Ein-Uhr-Zug nach Hause.

Ich glaube, das markiert in der Summe mal wieder einen Entwicklungsschritt. Es läuft so viel parallel bei den Kindern, dass Birgit und ich kaum mehr nachkommen mit dem Diskutieren, was wir so beobachten. Sie kommen am Montag alle in eine höhere Klasse: 6. Klasse, 3. Sek und beim Gymi-Wuschel habe ich den Überblick verloren. Ich glaube, er ist noch zwei bis drei Jahre in dieser Anstalt.

Ich lese gerade die ersten zwei Absätze und strahle über unser Glück.

Den Abend verbringe ich damit, mit dem Gartenschlauch langsam im Garten auf und ab zu laufen. Den Garten giessen stellt sich als unglaublich friedliche und beruhigende Tätigkeit heraus: Ich fülle beständig kleine Gruben, schwenke weit aus, damit sich die verstaube Erde verfärbt, wackle ein bisschen weiter, um eine Wasserlinie zu ziehen, wobei ich darauf achte, dass die kleinen eben gewässerten Gruben immer gefüllt bleiben. Ich könnte das glaube ich stundenlang machen. Dabei kann man auch wunderbar nachdenken.

Birgit und ich haben heute beide denselben Artikel über die Wasserversorgung in der Stadt und im Kanton Zürich gelesen. Auch hier: Wir sind vom Glück gesegnet. Egal was sein wird mit dem Klimawandel: Es gibt mehr als genug Wasser. Im Norden des Kantons, unterhalb von Eglisau, gibt es anscheinend ein riesiges Grundwasserreservoir. Man prüfte, ob man dieses im Extremfall anzapfen müsste. Muss man nicht: Es hat so viel. Das ist geographisches Glück. Wir haben genug Wasser. Wir werden uns an die 35 Grad gewöhnen wie in anderen Regionen der Welt. Einfach Klimaanlagen installieren. Die Häuser werden eh gerade mit Wärmepumpen ausgestattet, die können auch kühlen. Das passt auch super mit Solarstrom: Wenn es heiss ist, gibt es auch viel Strom. Ich verstehe den ganzen Stress und die Diskussion um die Klimaanlagen nicht. Einfach installieren!

Weil Freitag war, habe ich wieder meine besten Sommerkleider angezogen: Die Caprihosen, die ich in Apulien gekauft habe, ein Hemd und natürlich die Sonnenbrille. Das wird ein bisshen zu meiner neuen Tradition. Cashual ist schon die ganze Woche.

Ich habe mich in der Stadt mit wirklich sündhaft teuren Anwälten getroffen. Ich will mein nächstes berufliches Kapitel rechtlich sauber ausloten. Die Vorarbeit wurde von einem Assistenten getätigt und hat nur knapp an der Oberfläche gekratzt, was wichtig ist. Deswegen wollte ich mich persönlich treffen: Ich wollte mit dem Partner reden und ich wollte, dass der Litigator dabei ist (das sind die Anwälte, die vor Gericht oder Schiedsrichtern die Sache real austragen). Die eine Sache ist das Recht, die andere Sache ist dessen Durchsetzung. Ich habe in meiner Zeit als Stromhändler zwei bis drei riesige Streitfälle für die Firma ausgetragen. Das war ungemein lehrreich in dieser Hinsicht. Wie auch immer das Recht ausgestaltet ist: Die Macht des Faktischen wiegt schwer. Hat man genügend Liquidität, kann man sich die Anwalts- und Gerichtskosten leisten, ist eine Klage gerade opportun zeitlich oder stört sie ein anderes Geschäft? Genau all das konnte ich dort erfahren und lernen, und davon profitiere ich nun ungemein. Und so hat sich der Aufwand und die Kosten gelohnt: Ich habe meine juristische Auslegung.

Ich war diese Woche wohl gleich dreimal mit meinem Partner essen. Wir trennen uns nun nach 19 Jahren, und es tut gut, dass wir nun einfach weiterarbeiten wie immer. Es bahnt sich nun eine mehrmonatige Zwischenzeit an. Das eine Ende, das Neue zeichnet sich ab. Ich will diese Zeit auch geniessen. Ich weiss noch genau, wie es war, als es fertig war bei der Axpo: Ich hatte meine Kündigung eingereicht und innert weniger Stunden versiegte plötzlich die E-Mail-Flut. Und ich war frei. Im Handel hatten wir täglich unseren Gewinn und Verlust, die PnL von unserem Buch – jeden Tag. Ein riesiger Druck über Jahre hinweg, und plötzlich war alles weg. Ich fühlte mich federleicht.

Das ist nun nicht so, es ist viel steter. Ich bin ja auch kein Grünschnabel mehr. In den ersten Jahren als Händler wurde auf dem Trading-Floor noch herumgeschrien. Ich habe einmal mit der Tastatur zwei Bildschirme kaputtgeschlagen, so intensiv war der Druck. Und Stühle herumgeworfen! Ich kann das kaum mehr nachvollziehen, dass ich einmal so war (wobei ich immer noch der Meinung bin, dass der Bildschirm es verdient hatte). Ich bin da aus Zufall hineingerutscht. Ich wollte nie Händler werden, so was gab es in meiner Welt gar nicht. Ich meine, ich hatte Staatswissenschaften studiert und kam gerade aus einem Jahr Entwicklungshilfe in Indonesien zurück. Ich hatte dann einen echt langweiligen Job bei einem Stromhändler begonnen, wo ich ein bisschen Strategiearbeit geleistet habe. Nach drei Monaten war ich auf dem Absprung, aber dann ergab sich halt spontan etwas auf dem Trading-Floor. Und auch dort war alles Zufall: Es hat mich ein Broker angerufen, ich habe den Verkaufspreis am Telefon gehört und den Kaufpreis am Bildschirm gesehen, das rechnete sich, und dann ging es los. Es war ein bisschen wie in Trance.

Lange her! Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal meine Stimme erhoben hätte oder sauer wurde bei der Arbeit. Aufgrund der ganzen Situation diskutieren wir gerade ein bisschen die letzten Jahre. Und da gab es eigentlich schon auch Situationen, wo man hätte ausrufen sollen. Aber irgendwie habe ich mir das einfach komplett abtrainiert. Es ist auch einfach nicht nötig.

Heute kamen die Tagebücher von Camus an. Ich freue mich schon. All seine Werke entstanden in seinen Tagebüchern. Einfach immer weiter schreiben: Je mehr man schreibt, desto besser. Es verdichtet sich mit der Zeit. Das Buch ist dann einfach nur noch die Verdichtung dieser Arbeit. Ich habe es gerade mit der "Verdichtung", merke ich. Aber so soll es sein. Übrigens wurde Camus nur 47 Jahre alt. Ich bin nun auch 47 Jahre alt. Ich glaube, wir wären gute Freunde gewesen, obwohl er Franzose ist.

Ich hatte einen Soziologieprofessor, Peter Gross, in St. Gallen, der meinte, man solle sich einfach ein gutes Gesamtwerk oder eine Denke nehmen (er meinte wohl sicher sein eigenes Werk). Daran könne man dann alles ableiten, vergleichen und referenzieren. Das hat etwas. Es hilft in der Tat, wenn man eine Denke, eine Philosophie oder sonstiges Dogma innig kennt, um sich in der Welt zurechtzufinden. Für mich ist es Camus. Und die Stoiker.

Womit will ich heute schliessen? It is a wonderful world.

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