Teilen

Täglich schreiben, Rhybadi und ein Loch in der Töss

Ich schreibe wieder. Nicht, dass ich je aufgehört hätte. Ich schreibe täglich, meistens am Morgen, bevor ich in den Tag starte. Ich schreibe auf Zetteli und in mein kleines, geliebtes Büchlein. Ich schreibe für mich, weil es gut tut, den Kopf zu leeren. Ich schreibe, um festzuhalten, was ist. Einmal habe ich hunderte von Tagen jeden Morgen einen Baum auf der Bäckeranlage fotografiert. Ich führe eine Chronik zu unserem gemeinsamen Haus in Doro. Ich schreibe nun immer mehr auf dem Computer. Weil ich dann den Text durch die KI jagen kann und Fragen über mich selbst stellen kann. Und so schreibe ich vor mich hin.

Mir fehlt aber etwas das Schreiben, welches andere auch lesen könnten. Ich habe dies ein ganzes Jahr gemacht, als wir mit der Familie in Texas wohnten und es darum ging, die Omas, Nonnas, Tanten, Zias und Freunde etwas näher daran teilhaben zu lassen. Ich habe mir damals vorgenommen, jeden Tag zu schreiben, komme, was wolle. Gut oder schlecht, lang oder kurz. Und daraus entwickelte sich etwas, was ich nun vermisse. Ich stöbere manchmal abends in alten Einträgen über diese Zeit, und vielleicht freuen sich später die Kinder einmal, wenn sie in 20 oder 40 Jahren – oder wann auch immer – mal Einträge über sich finden.

Und so schreibe ich ab heute wieder. Jeden Tag, ohne Unterbruch, ob gut oder schlecht, ob kurz oder lang.


Mit Kopfweh und grantiger Laune stolperte ich heute Morgen aus dem Haus. Nala musste mich erdulden und auf den Kamm hinter Hoh Wülflingen laufen. Dazu queren wir wie immer das schattige Schlosstal samt Töss und schlängeln uns dann der wunderbaren Autobahn entlang, welche man aus irgendwelchen komischen Ideen in den 60er Jahren in das Flussbett baute. Es kommt dann aber immer der wunderbare Punkt wo wir dem Lärm der Autobahn entfliehen und in die Ruhe des Waldes einkehren. Bis auf den Kamm sind es gut 200 Höhenmeter, und oben angekommen bin ich nassgeschwitzt und wieder einigermassen bei mir und der Welt. Ich bin froh, dass Nala mich jeden Morgen begleitet. Es ist nun wirklich so, dass sie mit mir Gassi geht und nicht umgekehrt. Modern gesagt ist sie nun mein „Accountability-Partner“ – wenn sie hier ist, gehe ich auch sicher jeden Morgen laufen. Das gilt, so lese ich auf Twitter, als ein wichtiger Eckpunkt jeder Morgenroutine. Es folgen dann meistens noch 5–6 weitere Gewohnheiten, die man befolgen sollte für einen guten Start. Für mich reicht das Laufen und etwas Schreiben, bevor es losgeht.

Heute geht aber nicht viel los. Die Teenager schlafen. Ich schaffe es, Mio und Birgit zu überzeugen, gleich nach dem Frühstück an den Rhein zu fahren. Die Rhybadi in Dachsen ist einer unserer Lieblingsorte. Man kann von alten Bunkern in den Rhein springen; früher gab es ein Schiff, welches einen bis kurz vor die Rheinfälle brachte, wo man dann reinspringen und runtertreiben konnte. Traumhaft. Der Betreiber hatte jedoch keine Bewilligung dafür bzw. das Anlegen war offiziell untersagt, was aber 60 Jahre niemanden störte, bis sich der Kioskbetreiber mit der Badi verstritt und dies der Polizei meldete. Die musste dann halt Recht walten lassen, und seither gibt es diese Schifffahrt nicht mehr. Die Dachsner wollen, glaube ich, aber auch einfach weniger Auswärtige in ihrer kleinen Badi haben, welche über die Jahre bei uns Winterthurern immer beliebter wurde.

Mio war mit dabei und sprang sogar mit vom Bunker (immerhin 5 Meter über Wasser). Er zwackelte glücklich ein halbes Kilo Sonnenblumenkerne weg, seine neue Leibspeise. Wir kleben etwas Paninibildli ein, lesen, snacken Chips und frönen dem Sonntag. Birgit schafft es sogar ins Wasser, auch wenn es unendlich lange dauert, bis sie von der Zehenspitze bis zum Hals reinkommt. Dabei ist das Wasser schon warm, 20 Grad.

Wieder zu Hause essen wir die Reste vom Vortag. Lino ist auch auf und hat sogar sein Zimmer aufgeräumt, was uns doch etwas verblüfft. Emma ist auch wach. Sie stand gestern Nacht um elf Uhr hochempört bei uns im Zimmer. Sie war am Quartierfest; um halb elf hätte sie zu Hause sein sollen. Aber der Bus kam nicht und wir hatten das Handy nicht an. Birgit hatte ihr gestern wohl halb ironisch, halb ernst gesagt, dass wir die Polizei anrufen würden, falls Emma 15 Minuten zu spät käme. Das hat sie, glaube ich, ernst genommen. Sie war verspätet und ist dann von der Bushaltestelle nach Hause gerannt. Sie war wirklich total empört – und sie hatte auch recht. Was bringt all dies, wenn wir die Handys nicht auf laut haben?

Ich lege mich aufs Sofa und schlafe tief ein. Ich denke über die Woche nach. Vielleicht kommt das Kopfweh auch von den aufgestauten Eindrücken und ungelösten Dingen. Es liegen etwas schwierige, aufwühlende Tage hinter mir. Aber bevor ich mich darin suhlen konnte, ging es schon wieder los mit Nala. Ich begleite Birgit auf ihrem Nachmittagsspaziergang. Wieder eine gute Stunde unterwegs, und die dunklen Gedanken verschwinden. Birgit möchte, dass wir im Flussbett der Töss ein Loch graben, wo wir baden können. Weil die Töss ja immer so wenig Wasser führt im Sommer. Das heisst, sie möchte eigentlich, dass ich da nun ein Loch buddle, weil sie die ganze Idee toll und lustig findet. Ich bin etwas skeptisch.

Und dann dreht endlich das Wetter. Ein Sommergewitter naht.

Subscribe to Chronik der laufenden Ereignisse

Sign up now to get access to the library of members-only issues.
hans.muster@beispiel.com
Abonnieren