Züri, 31er, Glace, Smoothies & Samstagarbeit
Wir bringen heute Mio in die Stadt. Das heisst, wir treffen Zia Nora auf dem Sechseläutenplatz. Emma und ihre Freundin Marta kommen auch gleich mit: Einen Abend in Zürich wollen sie sich sicherlich nicht entgehen lassen. Wir treffen Nora auf einem der vielen Stühle, die auf dem Platz herumstehen. Sie hat einen älteren Herrn neben sich sitzen, der wohl einfach einen Gesprächspartner suchte.
Mir gefällt der Platz vor dem Opernhaus. Als ich ein Kind war, war hier noch ein schnöder Parkplatz. Auf diesen Platz kommt jedes Jahr auch der Zirkus Knie. Und der nahe Bahnhof Stadelhofen mit seinem Kino Le Paris, das es immer noch gibt: Ich habe gefühlt meine halbe Jugend hier verbracht. Es gab damals ein Lunchkino: Wir sind dann über Mittag – plus eine Stunde Schule schwänzen – Filme schauen gegangen. Mit der Karte der ZKB war das sogar bezahlbar. Wir gingen so oft ins Kino, dass wir uns gar nicht mehr gross die Filme aussuchten, sondern einfach das ganze Programm von vorne bis hinten durchschauten. Wie herrlich Kino damals war – und bis heute bleibt!
Wir trinken einen Apéro auf dem Platz. Mio und Nora verabschieden sich dann. Die beiden Teenagermädchen hatten sich ohnehin gleich von Anfang an aus dem Staub gemacht. Wir treffen sie später am Abend in einem Ramenrestaurant wieder, gleich um die Ecke des Schauspielhauses. Und so beginnt unser Abend in Zürich. Wie viel mehr Stadt das hier doch ist im Vergleich zu unserem beschaulichen Winterthur: Hier brummt der Laden einfach!
Birgit hat Lust auf Glace, und so nehmen wir den 31er und fahren bis an die Ecke Langstrasse und Militärstrasse. Der 31er war mein täglicher Bus während der Gymizeit: Er brachte mich zu meiner Kantonsschule in Hottingen, unweit des Schauspielhauses, und abends dann eben mitten in die Ausgangsmeile der Stadt. An der berühmten Ecke ist wie eh und je etwas los. Aber das Quartier hat sich doch enorm verändert, wenn man sieht, was hier alles neu gebaut wurde. Wir essen unser Glace in der Gelateria di Berna – auch so ein Laden, der schlichtweg unglaublichen Erfolg hat: Immer steht eine riesige Menschentraube davor an. Was will man als Ladenbesitzer eigentlich mehr?
Emma und Marta wollen danach aber noch unbedingt weiter zu Oakberry. Das ist irgendein Açaí-Smoothieladen, der global viral ging. Dort gibt es Smoothies für 15 Franken das Stück! Dazu müssen wir nochmals zwanzig Minuten zurück in die Innenstadt zuckeln: nochmals Langstrasse, nochmals 31er Bus. Und als wir dann endlich vor besagtem Laden stehen: Was für eine gigantische Schlange! Birgit und ich warten in einer nahen Bar. Es vergeht fast eine ganze Stunde, bis die beiden endlich ihren Becher in den Händen halten. Die meisten Kundinnen in der Schlange glichen Emma und Marta aufs Haar: junge Frauen, fast alle unter 16 oder 18 Jahren. Als wir uns schliesslich wieder auf den Heimweg machten, war die Schlange sogar noch länger geworden.
Ein langer Tag. Wegen der ganzen Lehrstellensache kann ich in der Nacht wieder nicht schlafen. Nala ist sichtlich ratlos, als ich um halb drei Uhr morgens im Haus umhergehe: Sie bringt mir treuherzig ihre Socke, dabei will ich doch einfach nur etwas Lesestoff. Am Schluss schlafe ich dann doch irgendwann auf dem Sofa ein, und schon bricht der Morgen an. Das Aufstehen fällt heute entsprechend schwer. Aber der ganze Gedankenmahlstrom bringt am Ende dann doch den eigentlichen Kern heraus: Es ist völlig klar, was nun zu tun ist.
Ich lese etwas Zeitung – mein eigentliches Lieblingsprogramm am Samstagmorgen. Ich bin seit einiger Zeit wieder ein grosser Fan von Le Monde diplomatique. Das ist diese marxistische Monatszeitung, welche der WOZ beiliegt. Die schreiben so herrlich mit der ideologischen Axt, aus dieser herrlich dogmatischen, engen Weltsicht heraus. Einmal im Monat bereitet mir das richtig Spass, öfter wäre es mir dann aber doch zu anstrengend. Es sind immer ellenlange Abhandlungen: Heute ging es um die neuen Machtverhältnisse und Allianzen im Nahen Osten nach dem Konflikt zwischen den USA und dem Iran, um die Auswirkungen der deutschen Aufrüstung auf das gesamte Machtgefüge in Europa – die alte deutsche Frage sei wieder zurück – sowie um die nationale Rüstungsindustrie in Deutschland. Ich habe den Text regelrecht mit dem Stift in der Hand durchgearbeitet, so spannend fand ich es.
Danach bringen wir Mio dazu, uns in die Migros und auf den Markt zu begleiten, heute sogar mit Nala: Sie muss sich schliesslich auch an Menschenmengen gewöhnen. Danach eine kurze Mittagspause und anschliessend zwei Stunden Gartenarbeit. Ich geniesse das Werkeln im Garten: schwitzen, zupacken, ein bisschen wüten. Wir füllen wieder vier ganze Grüntonnen. Und am Ende kann man im Angesicht des eigenen Schweisses stolz auf das vollbrachte Werk blicken: alles wieder proper, spürbar mehr Licht im Garten und ein paar Ecken hergerichtet.