Teilen

10 mal London pro Jahr

10 mal London pro Jahr

Im Nachgang zu meinem gestrigen Genörgel hatte ich dann doch einen guten Flug. Wie immer in Zürich, wenn ich fliege, mit Verspätung, was aber nicht weiter schlimm war. Ich habe einfach gelesen. Ich bin in Heathrow um halb elf Schweizer Zeit gelandet, aber dank der Zeitverschiebung habe ich ja eine Stunde gewonnen. Der Flughafen ist riesig; ich laufe sicher zwanzig Minuten vom Gate, bis ich endlich in der U-Bahn bin. Seit die neue U-Bahn-Linie eröffnet wurde, die Elizabeth Line, ist der Flughafen eigentlich wieder gut machbar. Um die späte Zeit war die Linie sogar fast leer. Ich habe etwas die Leute beobachtet: Nichts Spezielles zu berichten, ausser dass gestern spätabends fast niemand am Handy war. Das wäre dann eigentlich doch fast schon wieder etwas Spezielles. Ich weiss nicht, wann mir das sonst zum letzten Mal aufgefallen wäre.

Ich dachte, ich hätte ein mir neues Hotel gebucht. Als ich dann vor dem Eingang stand, konnte ich mich erinnern, schon einmal hier gewesen zu sein. Ich war schon so oft in London, es ist kaum zu glauben. Die Frage hat mich gerade interessiert, und während ich hier schreibe, habe ich Claude gefragt, mal meinen gesamten Kalender nach Flugeinträgen abzuklappern. Er arbeitet noch daran. Der Nachtportier hat mich dann eingecheckt, ein Inder oder indischstämmiger Londoner, der sehr von der Schweiz angetan ist. Ich habe auch ein Upgrade gekriegt – ebenfalls schon lange her, dass mir das angeboten wurde. Und so kam ich in den Genuss eines wunderbaren kleinen Zimmers mit Ausblick. Das Hotel liegt gleich gegenüber der altehrwürdigen BBC in der Nähe des Regent’s Parks.

Ich schaue noch kurz fern, dann nicke ich ein. Am Morgen gehe ich meiner Lieblingstätigkeit in London nach: in einem der vielen Parkanlagen zu laufen. Heute war es eben der Regent’s Park. Das Erste, was mir auffällt, sind aber Dutzende von sehr professionell aussehenden Velofahrern. Die treffen sich alle hier beim Park, um auf einer gesperrten Strasse rund um die Anlage ihre Runden zu drehen. Sieht aus wie ein Amateurrennen. Das Zweite dann, nachdem man es an den Rennfahrern vorbeigeschafft hat: das Gelb. Der ganze Park ist gelb, alles komplett verdörrt.

Ich geniesse den Lauf, es ist frisch. Am Morgen ist London einfach herrlich. Wie wunderbar diese Pärke sind, ich habe richtige Glücksgefühle.

Wir treffen uns dann für einen langen Arbeitstag. Wir besprechen die Strategie, was uns aufhält, und machen eine Vorbereitung auf unseren jährlichen Planungs- und Budgetprozess. Es ist doch schon eine grosse Firma. Ich bin voll dabei, wie immer, aber es ist doch etwas komisch: Ich versuche mich zurückzuhalten, was am Anfang recht gut klappt, aber bei den grossen Fragen will ich dann doch mitgestalten. Am Schluss ist die Diagnose aber recht einfach, was uns fehlt: zu viel „Wir“, zu wenig „Ich“. Wir fordern vereinbarte Ziele zu wenig ein, in dem Sinne sind wir führungsschwach. Wir haben eine grossartige Kultur und ein grossartiges Team, das von sich aus macht und wirkt, aber wir halten uns nicht wirklich an unsere Pläne. Es fehlt die Kultur, das konsequent zu tun. Einfach gesagt, schwierig umzusetzen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich mehr Teil des Problems oder Teil der Lösung bin. Auf jeden Fall ist es schon mal gut zu wissen, wo das Übel liegt. Ansonsten läuft ja auch vieles richtig.

Ich schaue nochmals bei Claude nach. Er meint: rund 40 Trips seit 2022. Die vorherigen Jahre kann er irgendwie nicht anschauen. Wenn wir die Zeit in den USA wegrechnen, also etwa zehn Londontrips pro Jahr. Krass, das ist doch schon erheblich!

Wir gehen dann noch alle gemeinsam indisch essen. In London ist Essen gehen immer etwas stressig, finde ich. Die Restaurants sind einfach so unglaublich laut, dass man kaum reden kann, und immer viel zu eng bestuhlt. Okay, jetzt klage ich schon wieder: Das Essen war ausgezeichnet.

Ich laufe nach Hause. Ich kriege noch ein Foto von Birgit mit Mio im Bett: Der freut sich auch, wenn ich nach London gehe – dann kann er nämlich bei Mami schlafen. (Und natürlich habe ich auch WhatsApp-Nachrichten von Emma gekriegt, mit genauen Instruktionen, in welchem Laden ich was einkaufen muss.)

Subscribe to Chronik der laufenden Ereignisse

Sign up now to get access to the library of members-only issues.
hans.muster@beispiel.com
Abonnieren