Ruhig im Flieger
Die nächsten drei Wochen muss ich dreimal nach London. Beruflich ist es eher ein Muss, und ich nörgle gerade etwas vor mich hin über diese komische Übergangszeit. Weil ich keine grosse berufliche Lust auf diese Arbeitsreisen habe, habe ich mir halt den Spass daraus gemacht, drei neue Hotels und drei neue Laufrouten herauszusuchen. London ist so gross, da kann man immer, wirklich immer etwas Neues entdecken.
Heute war ähnlich durchzogen wie die Anfangszeilen meines Tagesbeitrags: einfach etwas lustlos. Ich erledige meine Arbeiten, aber es fehlt die Energie. Mein Highlight war die frühe Rückkehr von Emma aus der Schule. Sie war schon wieder um zehn Uhr zurück. Sie hatte heute ihr grosses Bewerbungsgespräch bei der ZKB. Dreieinhalb Stunden, was für ein Aufwand hier doch betrieben wird! Wir haben vorher nochmals ein bisschen Interview geübt, aber das sitzt bei ihr schon sehr gut. Es sind am Ende ja immer ähnliche Fragestellungen. Auf jeden Fall hat ihr die Bank heute sehr gut gefallen. Es gab acht andere Bewerber, und sie war nicht nur von der Bank beeindruckt, sondern auch von den anderen Jugendlichen. Sie meinte, sie sei zufrieden damit, wie sie sich geschlagen habe, die anderen seien aber ebenfalls stark gewesen. Bis jetzt gefällt ihr die ZKB am besten. Diese Woche steht nochmals ein Bewerbungsnachmittag an, diesmal bei der AXA. So wie das Ganze nun in Fahrt gekommen ist, denke ich, dass wir in zwei bis drei Wochen wissen, ob sie bei den jetzigen Bewerbungen eine Lehrstelle kriegt. Das ist dann ein ganzes Jahr vor dem eigentlichen Beginn, was im Vergleich zum normalen Arbeitsmarkt schon bemerkenswert ist.
Ansonsten war es einfach ein normaler Homeoffice Tag: am Morgen raus mit Nala, etwas Küche herrichten und frühstücken, Arbeit, dann eben Emma, wieder Arbeit, Mittagessen vorbereiten, mit Mio und Emma zwanzig Minuten am Tisch, kurz aufräumen, wieder Arbeit. Dann ist irgendwann halb sechs. Kurz Abendessen vorbereiten, Emma verabschieden, sie geht ins Fussball, Birgit kommt nach Hause, wir essen zusammen.
Was bleibt heute wirklich vom Tag? Das Gespräch mit Emma. Von der Arbeit: na ja, einfach das Notwendigste. Hätte ich die Zeit besser nutzen können? Ja. Und das wurmt mich nun etwas. Dann lieber schlafen, rausgehen oder einfach gar nichts machen. Ich kann solche halbbatzigen Tage nicht ausstehen.
Nun sitze ich im weitläufigen Terminal E des Flughafens und schreibe diese Zeilen. Ich habe einen Abendflug gebucht, weil ich den ganzen Tag in Winterthur nutzen wollte. Nun überlege ich mir, was ich auf dem Flug machen soll. Lesen? Arbeiten? Vor mich hin sinnieren? Eine Rede schreiben? Ich wälze eine gewisse Geburtstagsrede seit einem Jahrzehnt in meinem Kopf. Wenn ich manchmal wach liege, spinne ich mir die Rede wieder zusammen. Vielleicht sollte ich diese endlich einmal herunterschreiben.
Jetzt fällt mir doch noch das passende Zitat zur jetzigen Situation ein: „Das ganze Unglück der Menschen rührt von einer einzigen Sache her: dass sie nicht fähig sind, ruhig in einem Zimmer zu bleiben.“ Das stammt von Blaise Pascal, einem Mathematiker. Vielleicht versuche ich genau das heute auf dem Flug nach London: Ich bleibe einfach ruhig im Flieger sitzen.