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Alte Freundschaften und dicke Schalen

Alte Freundschaften und dicke Schalen

Die grösste Überraschung des Tages war: die Frische! Wir schlafen im Sommer nur mit diesen leichten Decken, die wohl mehr eine psychologische Funktion haben und einem das Gefühl der Geborgenheit suggerieren. Und wir haben seit Kurzem auch einen Dyson im Raum. Der surrt leise und bläst etwas Wind. Und so bin ich mit einem leichten Schauergefühl aufgewacht. Gefühlt das erste Mal seit Langem, dass es nicht heiss ist. Etwas, was sich im Laufe des Tages wieder schnell ändern sollte.

Ich gehe also mit Nala laufen. Unser erster Spaziergang seit zwei Wochen. Sie haut auch gleich ab und springt den armen Enten in der traurig wasserarmen Töss nach. Wir sind eine gute Dreiviertelstunde unterwegs. Ich freue mich auf die Samstagslektüre. Heute sticht die Geschichte über den Krieg im Sudan heraus. Es gibt drei grosse Kriege: der Krieg in der Ukraine, die Auseinandersetzung mit dem Iran und eben der Sudan. Hunderttausende von Toten; eine grosse Hauptstadt, Khartum, die als Boomstadt am Zusammenfluss des Blauen und Weissen Nils beschrieben wurde, liegt in Trümmern. Ein Konflikt, der immer weiter wuchert und in dem Stellvertreterkriege ausgefochten werden: Die Türken und Saudis auf der einen Seite, die Emirate auf der anderen. Was für eine kriegerische Zeit! Zu Unizeiten lasen wir Bücher über den Niedergang der zwischenstaatlichen Kriege: Es bliebe nur noch Terrorismus und derlei übrig. Aber der Dschungel ist zurückgewachsen.

Samstag ist Haushaltstag. Wir gehen einkaufen. Mio kommt mit. Er will einen Basketballkorb. Den finden wir im Ochsner Sport – so ein Schweizer Urding von Laden. Für die Schrauben müssen wir noch in den Fachhandel. Und so sind wir den ganzen Morgen unterwegs. Mittags gibt es Essen, danach folgt ein komatöser Mittagsschlaf.

Die Hitze ist zurück. Während Birgit den Basketballkorb installiert, habe ich alle Gartengeräte ausgepackt und wüte zwei Stunden im Garten. Der Rasen ist so trocken, er staubt beim Rasenmähen. Ich säge auch die Hälfte des Rotahorns ab. Was für eine Tragödie! Wir hatten einen dieser wunderbaren japanischen Rotahornbäume, eine Schönheit von Baum. Er ist leider abgestorben – zumindest die Hälfte.

Am frühen Abend kommt Simon zu Besuch. Er weilt für einen Monat in der Schweiz. Er hat uns ja in Houston besucht, wir haben ihn in New York besucht. Eine alte Freundschaft aus der Kindheit wärmt sich ganz natürlich wieder auf. Wir essen kalte Gazpacho und Focaccia. Wir besprechen vieles. Er könnte doch das Corporate Design meiner neuen Firma machen. Er hält sich mit kleinen Projekten über Wasser, braucht nicht viel, managt etwas sein Geld. So humble, so überlegt. Ein erfrischend anderer Lebensstil als üblich. 25 Jahre schon New York! Aber irgendwo steht dann doch immer die Schweiz als Rückkehrort im Raum. Seine alten Freunde aus New York sind weitergezogen, seine alten Freunde aus der Schweiz sind immer noch hier.

Und dann sprechen wir über Brüderbeziehungen. Vielleicht sind sich unsere beiden Brüder doch auch irgendwie ähnlich in einigen Charakterzügen: intensive, klare, meinungsstarke Charaktere mit einem grossen, guten Herzen unter der dicken Schale. Wie immer in Familienangelegenheiten: nie einfach, aber alternativlos. Man kann sich die Familie nicht auswählen. Man kann das Beste draus machen. Sowieso eine dienliche Eigenschaft für ein gutes Leben. Ich habe das Bild vor mir, wie zwei Brüder sich als Kinder balgen und richtig mit Faustschlägen traktieren, um dann, falls der eine im Nachgang stürzt und sich verletzt, beim anderen im Nu die Stimmung umschlägt und er sich sorgt und kümmert. Wenn es darauf ankommt, ist man da, aber dazwischen kann unglaublich viel Zeit, Weg, Streit liegen. Life is complicated.

Irgendwann, als es schon lange dunkel ist, kommt endlich wieder etwas Kühle auf. Ein leichter Wind zieht auf. Es ist Zeit zum Schlafengehen.

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hans.muster@beispiel.com
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