Arbeitstag
Beim Aufwachen gibt es immer diesen Moment, manchmal kürzer, manchmal länger, wenn sich Gegenwart und Erinnerung noch nicht gefunden haben. Oder anders gesagt: wenn man noch leicht verloren ist. Das war heute morgen auch so. Es war das Kratzen und Grunzen von Nala, die mich geweckt haben. Lino schlief noch fest neben mir. Draussen war es noch frisch. Nala war aufgeregt ob all der Bergpracht. Und sie musste dringend raus.
Später gibt es schwarzen Kaffee und Brot, das quietscht. Heute ist Doro-Arbeitstag. Einmal pro Jahr treffen sich ein paar Gemeindemitglieder – auch wieder so ein Wort –, um Arbeiten gemeinsam auszuführen: den Schutzzaun überprüfen, einen Wasserkanal putzen, Wege mähen und einen neuen Zaun rund um einen kleinen Erdrutsch bauen. Mittags hat einer der Kollegen für alle gekocht. Ein grosser Teil des gemeinsamen Arbeitstages ist also vor allem der Compania gewidmet. Das ist ja auch was Schönes. Nach dem Mittagessen lege ich mich kurz eine halbe Stunde hin, ein kleines Tages Highlight. Dann geht es weiter. Am Nachmittag bauen wir eben diesen neuen Zaun um das kleine Erdloch. Unten grunzen die Schweine. Es ist mein erster Zaun, ich schaue und arbeite vorallem zu. Und viele neue italienische Wörter kommen auch dazu: Mein normaler Wortschatz im Italienischen ist nicht auf Werkzeuge und Baumaterialien ausgelegt, was ich heute merke.
Beim Arbeiten kann man auch vorzüglich die Mitmenschen etwas beobachten und dann natürlich auch besser kennenlernen. Auch sind die neuen Bäuerinnen, die nun in Doro wirtschaften, ganz gut anzusehen. Die Arbeiten auch jeden Tag von früh bis spät. Bei der Arbeit wird einem auch klar, wieso unsere Vorfahren nicht lange lebten. Hier oben zu arbeiten ist einfach ungemein streng, ein totaler Verscheiss. Und mir bleibt, dass irgendwie unten im Dorf alle miteinander verwandt sind. Das sieht man auch, wenn man mal bei der Kirche den grossen Friedhof besucht. Irgendwann ist dann auch der letzte Draht gespannt und es gibt kaltes Bier. Der italienische Dialekt hier ist gewöhnungsbedürftig, aber ich komme mit.
Dank Claude entziffern wir die Datumsinschrift auf der Kirche: „ADI 16 SA AB C“ steht unter der Jahreszahl 1644. Dies steht für „am Tag des 16.“ (a di 16) des Sant Abbondio, der Schutzpatron von Como ist (das Tessin gehörte lange zur Diözese Como). Das C steht für Confessore (der Beichtende). Einfach unglaublich, wie einem die KI hilft, die Weiten des Internets für sich nützlich zu machen.
Wir haben uns vom gemeinsamen Abendessen abgemeldet. Die Nonnis sind nur noch heute hier. Wir essen alle gemeinsam am grossen Steintisch vor dem Haus. Es gibt Risotto. Einen ganzen, riesigen Kochtopf voll. Alles geht weg. Sogar Mio, unser Nichtesser, isst hier viel.

Und so neigt sich der Tag dem Ende zu. Alles im Lot. Ich beobachte noch etwas die Jungs, wie sie in ihrem Element sind. Sie haben heute mitgeholfen, das Dach geputzt, Messer geschnitzt, rumgeblödelt – einfach wunderbar. Tagsüber gab es immer mal wieder einen WhatsApp Chat mit Winterthur. Wir freuen uns, dass Emma und Birgit und die Familie Kind auch bald hier sind. Hoffentlich vergessen sie nicht die angeforderten ein Kilo sauren Zungen sowie den Rotwein, der ist nämlich urplötzlich aufgebraucht.