Ein kurzes Danke und weiter geht die Arbeit
Ich war gestern erst weit nach Mitternacht im Bett. Das Abendessen zog sich etwas hin. Meine U-Bahn hatte technische Probleme, und dergleichen technische Probleme hatte ich dann auch beim Einchecken. Es war ein tolles Zimmer in einem wunderschönen, alten viktorianischen Haus in der Nähe des Regent’s Parks. Da gab es keine Rezeption und man musste sich online einchecken, was aber nicht klappte. Und so steht man dann da um halb zwölf Uhr nachts vor einem Hauseingang und fingert auf seinem Telefon herum, lädt irgendwelche Apps herunter und ruft den Service an, der natürlich längst geschlossen hat. Zum Glück hatte mein Handy genügend Akku, ich genügend Nerven (es gab ja keine Alternative), und irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit war ich dann endlich in meinem Zimmer: ein schmuckes Zimmer, sogar mit Kochnische, stilvoll, aber eben alles mini. Ich wollte mich trotz der späten Stunde nicht gleich schlafen legen, und so schaute ich noch etwas Netflix. Eine neue Staffel von „Fauda“ ist draussen. Fauda steht im Arabischen für Chaos. Die Serie handelt von einer israelischen Anti-Terroreinheit, sehr gut gemacht, und natürlich geht es um genau jenen Konflikt, von dem ich eigentlich gar nichts mehr hören will. Aber es ist handwerklich einfach hervorragend. Ich schaffe keine zwanzig Minuten, der Tag war zu lang.
Dank der Zeitverschiebung bin ich früh wach. Der innere Schweinehund will mich im Bett behalten. Irgendwie überwinde ich ihn trotzdem, ziehe mir die Laufschuhe an und gehe nach draussen. Der Regent’s Canal liegt gleich neben dem Haus. Wie letzte Woche bin ich ganz alleine: kein Mensch um sechs Uhr in London. Und so beginne ich zu laufen. Ich bleibe am Kanal und renne immer weiter. Ich will gar nicht mehr aufhören. Ich überlege mir, einfach so weit zu rennen, bis der Kanal aufhört: weiter, weiter und weiter. Vielleicht will ich heute Morgen irgendetwas davonrennen. Der Kanal hört dann plötzlich auf und taucht im Tunnel ab, nur um zwanzig oder dreissig Meter später wieder aufzutauchen. Und so renne ich weiter. Bald komme ich etwas aus der Stadt heraus und laufe durch Industriegebiete. Mit der Zeit wachen auch die Leute auf: mehr Velos, mehr Fussgänger, mehr Verkehr. Irgendwann breche ich meine kleine Flucht ab. Ich bin so weit gelaufen, dass ich mir wieder eines dieser Mietvelos suchen muss, um rechtzeitig fürs Büro zurückzukehren.
Wir treffen uns im Büro mit dem Verwaltungsrat. Es findet eine kurze Information statt, dass ich ausscheide. Das war es. Ein kurzes Danke, und weiter geht es mit der Tagesordnung. So ist das mit der Arbeit: Sie hört nie auf, endet nie. Sie ist wie ein Gummiball, sie springt immer zurück. Und jeder ist ersetzbar. So ist das eben. Innerlich spüre ich doch ein paar Seufzer: solche der Erleichterung, solche der Ernüchterung.
Die letzten drei Wochen waren etwas viel mit der ganzen Reiserei. Ich schreibe ja immer auf, was ich so mache: Genug Schlaf? Etwas Sport gemacht? Zeit mit meinen Liebsten verbracht? Halt all jene Gewohnheiten, von denen ich genau weiss, dass sie darüber entscheiden, ob ich einen guten Tag und eine gute Woche habe. Die kamen zuletzt alle zu kurz.
Aber diese Phase ist nun auch wieder vorbei. Und bis zum definitiven Ausscheiden Ende Dezember wird es sicher noch ein paar emotionale Momente geben.
Worauf ich mich freue? Einfach zu Hause sein. Und für mich selber zu arbeiten.