Über die ernste, wunderschöne Sache
Es ist wirklich immer die letzte Aktion des Tages: das Schreiben. Erst dann kann der Tag auch enden. Es ist ein bisschen ähnlich wie der Grund, weshalb ich das Pendeln mit dem Zug mag: klarer Anfang, klares Ende.
Und auch heute weiss ich eigentlich nicht, was ich schreiben werde. Es war ein langer, emotionaler Tag. Am 13. Juli ist der Groschen gefallen, dass ich etwas Neues machen werde. Vor den Sommerferien habe ich es meinem Partner mitgeteilt. Wir haben vereinbart, nach den Ferien nochmals zu reden. Das war heute. Und heute habe ich dann halt auch alles schriftlich dargelegt. Und das hatte es wohl in sich: Schwarz auf Weiss. Es ist wirklich so. Nach 20 Jahren Seite an Seite, durch gute und schwierige Zeiten, findet nun ein Arbeitskapitel vorerst ein Ende.
Ein Witz, den ich mir selber erzähle, ist, dass es nur drei Menschen gibt, mit denen ich nicht reden muss und die mich trotzdem verstehen: Das ist meine Frau, meine Mutter und eben halt mein Geschäftspartner. (Und sehr wahrscheinlich kann mich meine Schwester wohl ähnlich gut lesen.) Auf jeden Fall haben wir zusammen im Stromhandel ein grosses Geschäft in Polen aufgebaut und dann natürlich Pexapark: zehn Jahre Stromhandel, neun Jahre Pexapark. Und nun baue ich was Neues auf – zumindest ist das der Plan. Es ist nun doch recht lange gereift, und dann ist eben an besagtem Tag in Griechenland der Groschen gefallen. Beziehungsweise die Drachme ist gefallen. Sehr wahrscheinlich brocke ich mir damit wieder mehr Arbeit und Ungewissheit ein, aber es ist auch ungemein belebend. Alleine der Umstand, das ein neues Kapitel losgeht hält mich fit und auf Draht. Ob es dann halt klappt oder nicht. Aber ich bin doch auch geschäftlich nun etwas reifer und erfahrener geworden über all die Jahre, so dass ich mir eigentlich keine allzugrossen Sorgen machen. Im geschäftlichen sollte man sich nicht zu fest mit Plan B aufhalten. Es gilt vorallem auch, einfach mal zu machen.
Weil es schön ist, im Rückblick alles erklären und einordnen zu können, habe ich mir über die Zeit eine Story zurechtgelegt. Ich habe mich gefreut, 30 zu werden. Das war die Zeit, als wir die Familie gegründet haben und die Karriere richtig Schwung aufgenommen hat. Wir haben so sparsam gelebt und so gut gespart, sozusagen den Grundstein für das nächste Kapitel gelegt. Haus & Firma. So hatte ich bei der "40" das Gefühl, dass ich mir diese 40 verdient habe! Eine Familie mit drei gesunden Kindern, dieses wunderbare grosse Haus mit diesem traumhaften Garten und natürlich meine Firma, wo wir von null auf nun 85 Leute gewachsen sind. Mit 50 bahnt sich nun wieder eine neue Story an.
Aber wie es so ist mit diesen Stories: Sie lassen sich erst im Nachhinein gut erzählen. Auf jeden Fall habe ich genug Karriere gemacht und gearbeitet, um zu wissen, dass ich einfach verdammt gerne arbeite und herumwerkle – es aber halt so laufen muss, wie ich es will. Mit allen guten und schlechten Seiten mit mir als Chef. Eine Firma ist für mich wie eine Person. Man läuft in einen Laden hinein und spürt gleich, was da für eine Kultur herrscht, was für eine Persönlichkeit sich hier verbirgt. Genauso wie bei Menschen. Und das macht mir halt Spass: ein toller Arbeitgeber zu sein. Kultur geht vor Strategie. Es braucht Herzblut in einer Firma, zumindest muss dies so für mich sein.
Und dann ist da das mit der Zeit. Die hat man ja nur einmal. Ich hatte das unglaublich grosse Glück, immer flexibel zu arbeiten. Ich habe meine Kinder nur einmal. 90% unserer Lebenszeit mit den Kindern verbringen wir in deren Alter von 0 bis 12 Jahren. Mio unser Jüngster ist nun 12. Aber wir haben noch so viel gemeinsam vor uns und da will ich dabei sein. Und da ist natürlich noch meine Frau. Ihr wird langsam klar beziehungsweise wir verhandeln gerade ein bisschen, wie man die gemeinsame Spazierzeit erhöhen könnte. Ich finde gelegentliche Wanderungen über einen Bernkamm von vier bis sechs Stunden absolut erstrebenswert, während sie mal von einer Stunde ausgeht. Aber bis dahin vergeht ja noch einige Zeit. Aber die Aussicht auf mehr Zeit mit Ihr, und nicht nur für Wanderungen, ist schon auch eine schöne Aussicht.
Und dann ist da natürlich die Gesundheit. Beim Männerabend macht sich das auch schon bemerkbar. Man darf am Anfang kurz etwas darüber stöhnen, dass man nicht mehr saufen kann, ohne gleich drei Tage weg zu sein, oder was gerade wehtut. Genauso wie alle nicht mehr gross über die Arbeit beziehungsweise die Karriere reden, kümmern sich alle um ihre Gesundheit. Jeder macht irgendetwas. Und so braut sich doch einiges zusammen für die 50er-Story: gute Arbeit, gute Zeit und gute Bewegung. Jetzt greife ich also doch schon vor, aber so ist das ungefähr, wie ich mir das gerade vorstelle. Sehr wahrscheinlich beschreibe ich einfach die immerwährenden und immer wiederkehrenden Entwicklungserfahrungen über die Jahrzehnte. Nichts Neues, normal halt, aber es tut gut, es sich bewusst zu machen.
Und so schreibe ich mir heute doch ein grosses Stück von der Seele. Sagt man das überhaupt so? Ich schreibe einfach wieder meinen Kopf frei.
Und morgen geht es wieder von vorne los. Jeder Tag eine neue Möglichkeit zum Glück. Das Leben ist so eine ernste, aber wunderschöne Sache.