Einer von uns
Letzte Woche hatten wir diesen kranken Attentäter, welcher am Bahnhof Winterthur mit dem Messer wahllos Menschen attackierte. Er hat drei Männer erwischt, davon einen schwer verletzt. Mir bleibt vor allem die Videosequenz, welche ich auf Social Media gesehen habe, wie er mit dem Messer und „Allah ist gross“-schreiend an den Kindergärtnern vorbeigerannt ist. Und dass Lino zur gleichen Zeit gerade mit dem Bus am Bahnhof vorbeigefahren ist.
Dies hat mich unglaublich aufgewühlt. Der Sicherheitsdirektor Fehr hat mir am gleichen Tag aus der Seele gesprochen. Ein islamistischer Terrorakt, die Psychiatrie hat einen Fehler gemacht, der Mann gehört ausgebürgert. Genau! In den USA wäre der einfach abgeknallt worden – und zu Recht! So viel zur Stimmungslage.
Über die letzten Tage und mit dem Verblassen der Emotionen zeigt sich dann doch wieder, dass die Welt etwas vielschichtiger ist. Der Mann ist hier geboren, gleich bei uns um die Ecke in einem der alten Blocks mit den günstigen Wohnungen. Er war der Hoffnungsträger der Familie, hat es als Einziger geschafft, sich für die Handelsmittelschule zu qualifizieren. Und plötzlich verändert er sich, gerät in den Sog der schweizweit bekannten Al-Nur-Moschee, welche dutzende von Männern mit der IS-Ideologie radikalisiert hatte. Er fällt auf, kommt auf die Gefährderliste und wird von einer Sonderkommission überwacht. Dann taucht er zwei Jahre in die Türkei ab. Er kommt letzte Woche zurück, lässt sich selber in die Psychiatrie einliefern, weil er Wahnvorstellungen hat. Die Psychiatrie liegt auch gleich bei uns um die Ecke in Wülflingen... Er haut von dort wieder ab, wird von der Polizei wieder zurückgebracht. Und dann kommt der fatale Fehlentscheid: Ein Arzt lässt ihn wieder frei. Was auch war: der Arzt kriegt k e i n e Information von der Polizei, dass dies ein Gefährder ist. Das ist rechtlich nicht zulässig. Und: Die IPW, so heisst die Psychiatrie hier, hat pro Jahr 1000 (tausend!) solcher Fälle.
Nun kommen mir die Aussagen von Fehr doch etwas schräg vor. Das ist oder war mal ein Sozi (er wurde rausgeekelt). War er einfach auch nur emotional? Macht er einen auf Populist? Wieso hat seine Sonderkomission nicht mehr Druck gemacht?
Der Mann ist hier geboren und somit einer von uns, ob wir das mögen oder nicht. Was bringt das Ausbürgern? Sollte die Debatte nicht sein, dass die Informationen zu Gefährdern ausgetauscht gehören, auch wenn wir damit die Persönlichkeitsrechte einschränken. Aber auch: Wir können die Gefährder und deren Brutstätten nicht „integrieren“ oder „therapieren“ oder irgendwelchen interkonfessionellen Dialog führen. Radikale Islamisten lehnen Basiswerte von offenen, freiheitlichen Gesellschaften ab, sie fühlen sich theologisch überlegen. Da hilft nur kalte Repression, von Anfang an.
Es gab vor vielen Jahren eine sehr umstrittene Abstimmung in der Schweiz, es ging um das Verbot des Baus von Minaretten. Was für ein Schwachsinn, so was in die Bundesverfassung zu schreiben! Wo bleibt der Liberalismus, etc.? Ich war empört. Heute würde ich auch Ja stimmen. Was ich anders sehe als früher oder anders wahrnehme, ist, dass ich den Islamismus vor allem auch als politische Bewegung sehe, die nicht im Parlament, sondern ausserparlamentarisch arbeitet. Der Lehrerin nicht die Hand geben, wegen dem Ramadan den Elternabend verschieben, nicht in den Schwimmunterricht gehen. Das konnte ich früher individuell durchgehen lassen, weil er mir ein Unding war, so was zu regulieren. Heute will ich das nicht mehr akzeptieren. Im Gegensatz zur SVP würde ich aber anerkennen, dass sie schlicht Mitmenschen von uns sind, und ich würde – wie in Dänemark – es nicht mehr zulassen, dass es Schulen gibt, wo die Anzahl migrantischer Kinder zu hoch ist. Dann fahren wir die Kids halt mit Bussen rum und investieren in das. Und vielleicht brauchen wir so was wie einen langen, grossen Zivil- und Militärdienst für alle, einen integrierenden, verbindenden Dienst, dem sich niemand entziehen kann. Wer Monate lang zusammen lebt und arbeitet, findet automatisch Achtung vor Andern. Ach Gott, wie hiess dies früher, eine "Schule der Nation". Und, wie schon geschrieben, die kalte Repression, wenn Grundregeln nicht eingehalten werden.
Uff, das musste raus. Wie ich wohl als hochpolitisierter linker Student auf diese Aussagen blicken würde?
Übrigens noch ein Wort zu Wülflingen mit seinen vielen günstigen Wohnungen und sehr hohen Ausländeranteil. Es läuft super. Die Schule Ausserdorf ist ein Musterbeispiel von fantastischer Lehr- und Schulleistung. So viele coole, gute, liebe Kinder & Teenager aus allen Ecken, die miteinander gross werden. Es gibt Probleme, aber wir können uns unglaublich glücklich schätzen, dass dies alles so gut funktioniert.
Was lief sonst? Birgit ist wieder voll im Arbeitsrhythmus. Mit Überzeit und Abgaben. Aber immer dran bei den Schulaufgaben. Man merkt, dass sie früher im Leistungskurs Mathe war. Heute löst sie mit Emma doch schon recht schwierige Volumenrechnungen und kann wohl sicher auch bei Lino mithalten. Ich habe nur kurz ins Aufgabenbuch geschaut und dann doch lieber gekocht, als meine grauen Hirnzellen anzuwerfen.

Wir schauen endlich wieder mal eine neue Serie: „Die purpurnen Flüsse“. Auf Play Suisse, dem Streamingkanal der SRG. Haben wir erst seit Kurzem wiederentdeckt und ist eigentlich eine ganz coole Alternative zu Netflix und Co.
Ich möchte am Wochenende auf das Schnebelhorn wandern. Das ist der höchste Berg des Kantons Zürich. 1292 m. Voralpin. Aber keiner will mit mir mit. ChatGPT (ist eigentlich Claude, Gemini oder Lumo, aber irgendwie hat sich ChatGPT als Überbegriff für KI eingebürgert. Wie „googeln“ für Suchen) hat mir einen Riesenvortrag gehalten, dass ich die einjährige Nala damit doch zu fest belasten würde...