Tagebücher & junge Autoren
Ich lese zum ersten Mal ein Tagebuch – wobei ich mich gleich korrigieren muss: Ich habe als Bub die Tagebücher der Anne Frank gelesen. Auf jeden Fall lese ich sonst keine Tagebücher. Vor ein paar Tagen sind nun die Tagebücher von Albert Camus angekommen. Das ist mein Lieblingsschriftsteller, wie schon oft berichtet. Ein Porträt von ihm in Denkerpose ruht auf der rechten Seite meines Bildschirms. Ich habe von Camus glaube ich jedes erdenkliche Buch gelesen. Und Im Falle des Mythos von Sisyphus gleich mehrmals. Es ist das einzige Buch welches mich jemals zu Tränen rühren konnte. Es war der Satz „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Tja, das hat mich bei der ersten Lektüre tief berührt.
Was nun wirklich toll ist an den Tagebüchern: dass man dort in Fragmenten alle seine grossen Stoffe wiederfindet. Irgendwo müssen diese Texte ja ihren Anfang nehmen. Er wechselt von Textfragmenten über seine Themen hin zu ganz normalen Tagesberichten, was ihn halt so bewegt. Wir befinden uns gerade im Jahr 1937, er lebt in Algerien, was damals noch Frankreich war (keine Kolonie, sondern integraler Bestandteil des französischen Imperiums). Ich erfreue mich daran, dass er auch vom Verdichten redet. Damit beschreibt er das immer wiederkehrende Beschreiben und Abhandeln derselben Themen und Stoffe. Und irgendwann verdichtet sich dies dann, die Essenz schält sich heraus. Einfach toll. Aber er kann eben auch einfach schreiben: wie er sich irgendwo an ein Fenster lehnt und die Szenerie draussen beschreibt. Wunderbar.
Ob man das lernen kann? Bis zu einem gewissen Grad wohl sicher. Er meint aber, dass der Künstler sein Werk aus dem Erlebten ableiten und erarbeiten muss. Er muss also richtig leben, intensiv leben. Andersherum geht es nicht. Man kann diese Stoffe nicht einfach aus dem luftleeren Raum schreiben. Ich sehe das genau gleich. Ich habe einen Roman von einem jungen Schweizer erhalten, der für Furore gesorgt hat. Aber der Typ ist 20 Jahre alt und schreibt ein Buddenbrooks Epos über eine sonderbare ungarische Adelsfamilie, mit allesamt unglaublich verschachtelten und mehrdeutigen Sätzen. Was hat der Grünschnabel denn schon erlebt? Vielleicht tue ich ihm damit schweres Unrecht, aber auf jeden Fall macht Camus Sichtweise Sinn für mich. Ich bin schon gespannt, wie er über die bald aufziehenden Kriege schreiben wird.
Heute waren zwei Schreiner bei uns und haben das letzte Möbelstück fertig gebaut. Das Wohnzimmer ist nun endlich komplett (bis auf das Licht – das kann nochmals ein paar Jahre dauern). Wir haben nun wirklich eine schmucke Zeile mit Schubladen und Stauraum gekriegt.
Ich spaziere heute gleich zweimal mit Nala. Am Morgen war ich aber stinksauer auf sie: Die Kinder lassen sie springen und achten nicht darauf, ob sie Enten jagt, oder lassen es sogar zu. Das hat sich nun leider wieder in ihr kleines Hundehirn gefressen und muss ihr wieder abtrainiert werden. Und dann darf man den Hund ja weder bestrafen noch anschreien – was ich gegen jeden guten Rat aber trotzdem mache. Ich behaupte, sie weiss ganz genau, was sie darf und was nicht. Auf jeden Fall ist sie dann mit eingezogenem Schwanz neben mir nach Hause gelaufen. Und so bin ich als Wiedergutmachung in der Hitze des Nachmittags nochmals mit ihr laufen gegangen. Und was für eine Hitze wir heute wieder hatten!
Nun verschwindet die Sonne gerade hinter dem Berenberg. Es ist bald Zeit für die Abendruhe.