Tinnitus, Alltag.
Gestern bin ich zufällig über ein Buch zum Thema Tinnitus gestolpert. Die Strategie des Autors – ein selbst erarbeiteter Weg aus dem Leidensdruck – hat mich sofort an ein ähnliches Buch erinnert, das ich vor einiger Zeit gelesen hatte, und vor allem an meinen eigenen Leidensweg. Das Ganze ist für mich eine zutiefst prägende und aufwühlende Angelegenheit.
Mein Tinnitus begleitet mich, seit ich 18 oder 19 Jahre alt bin. Ich mag mich noch ganz genau an die Nacht erinnern, als das Pfeifen plötzlich da war. Oh Mann, ich habe darunter gelitten, ich kann es nicht anders sagen. Jahrelang bestand meine einzige Überlebensstrategie darin, der Stille zu entfliehen.
Das Problem an der Flucht ist nur, dass man das intuitive Warnsystem des eigenen Körpers nicht abhängen kann. Der Ton kam in Schüben wieder, jedes Mal ein Stück lauter und schlimmer. Mal nur auf einem Ohr, dann auf beiden, aber einfach konstant da. Es gab Phasen an denen ich einfach nicht mehr weiterwusste.
In dieser Zeit waren die Arztbesuche paradoxerweise oft das Schlimmste. Man sucht Hilfe und erntet Abfuhren. Dass man medizinisch nichts gegen Tinnitus tun kann, wusste ich ja bereits aus eigener Recherche. Aber Empathielosigkeit kann auch weh tun.
Heute weiss ich: Die Aussage, es gäbe keine Therapie, stimmt so einfach nicht. Es gibt vielleicht keine Pille und keinen chirurgischen Eingriff, aber es gibt eine Antwort, die in uns selbst liegt. Es geht um eine „neuronale Umprogrammierung“ des Gehirns – oder schlicht darum, sich aktiv an das Geräusch zu gewöhnen.
Genau. Man kann lernen, sich aktiv an das Geräusch zu gewöhnen. Das Gehirn besitzt die unglaubliche Fähigkeit, Reize neu zu bewerten und Unwichtiges in den Hintergrund zu drängen. Man muss „nur“ damit aufhören, sie mit Angst oder negativen Assoziationen zu füttern. Ich musste diesen Weg über viele Jahre, ach was, Jahrzehnte hinweg mühsam und ohne systematische Anleitung selbst herausfinden. Es war ein zäher, langsamer Prozess. Im stoischen Sinne ging es darum, einzusehen, dass ich das Geräusch in meinem Kopf nicht kontrollieren kann – wohl aber meine Reaktion darauf.
Aber wie klappte das konkret? Vor zwei, drei Jahren habe ich mit Atemtechniken begonnen. Birgit hat mir damals sogar einen Kurs geschenkt und kam selbst mit. Was dann aber passierte, war der absolute Horror: Plötzlich bekam ich während der Atemübungen richtig schlimme Tinnitusattacken. Der Ton ging danach stundenlang nicht mehr weg. Wie wieder zu schlimmsten Zeiten. Ich hatte mich bis dahin ja irgendwie damit arrangiert, aber nun die ganze Scheisse richtig wieder voll da.
Wie man das heute so macht, habe ich mich sofort ins Internet gestürzt – und natürlich nur das Negative gefunden. Berichte von Menschen, denen genau dasselbe passiert war. Ich erinnere mich an einen Eintrag, in dem jemand so traurig und bitter geklagt hat; er wünschte, er hätte nie mit den Übungen angefangen. Als die Attacke bei mir endlich abklang, hatte ich Angst, wieder mit dem Atmen zu beginnen. Aber es liess mir auch keine Ruhe: Wie konnte etwas, das mir so unglaublich gutat – das Atmen, die tiefe Entspannung –, so etwas Negatives auslösen?
Mit etwas Mut habe ich schliesslich genau das Gegenteil getan: Ich bin voll rein und habe mich dem Tinnitus zum ersten Mal direkt gestellt. Ich habe ihn in den ruhigen Momenten sozusagen gesucht, hineingehört und mich nur auf das Pfeifen fokussiert. Und das hat irgendwas ausgelöst.
Und das war’s. Das war meine ganz persönliche „neuronale Umprogrammierung“. Seit diesem Moment assoziiert irgendwas in meinem Schädel die Dinge anders. Es war nicht ein Moment und wohl Ausdruck von vielen Jahren, aber ich denke, dies hat am Schluss den Ausschlag gegeben.
Wenn ich heute im Garten arbeite, mit Nala durch die Natur streife, die Zeit mit meiner Famlie verbring oder wach im Bett liege, ist der Ton immer noch da. Aber er hat seine alte Macht verloren. Entweder nehme ich ihn gar nicht mehr wahr, oder er dient mir als Seismograph. Ein Signal, das mich daran erinnert, woher ich komme und dass ich auf mich achten muss.
Es klingt paradox, aber ich lebe heute gut, diszipliniert und gesund – trotz oder vielleicht gerade wegen des Tinnitus. Und an alle, die darunter leiden: Es gibt Hoffnung.
Puh, das war jetzt fast ein kleiner Coming-out-Beitrag. Aber das Leben drumherum schläft ja nicht. Was lief sonst heute?
Emma hat heute einen Schnuppertag in einer Kita absolviert – komplett selbst organisiert. Die Kleinkinder haben sie so bodenlos fertiggemacht, dass sie heute Nachmittag erst mal zwei Stunden komatös schlafen musste. Was sie am krassesten fand: „Die sind 2023 geboren, stellt euch das mal vor: 2023!“ Wir finden es auf jeden Fall super, dass sie links und rechts schaut und Erfahrungen sammelt, anstatt einfach nur stur das Standardprogramm mit KV oder Gymi durchzupeitschen.
Birgit war heute kurz in der Schule und hat einen Elterntermin für Mio vereinbart. Der Klassenlehrer meint, dem Zwackel fehle aktuell einfach ein bisschen der Wille. Er schmeißt wohl gerne sofort hin, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Triffts auf den Punkt.
Lino ist unterdessen den ganzen Tag auf Exkursion. Mit dem Zug ging es nach Lausanne ins Olympische Museum, er wird erst spät abends müde zurückerwartet. Und Birgit sitzt fleissig an ihrer Abgabe.
Morgen ist unser 15. Hochzeitstag. Ist das nun schon viel? Auf jeden Fall waren es 15 tolle Jahre (wobei es in Wahrheit ja noch einige mehr sind, wenn man unser „uneheliches“ erstes Kind und die Jahre davor dazuzählt).